Eine Katzen-Waise namens Toni

Die Dächerlandschaft über meinem Haus in Salvador ist ein Paradies für Katzen. Vor allem nachts setzen sie elegant von Kante zu Kante, liefern sich wilde Verfolgungsjagden über die Schrägen, jaulen auf der Terrasse den Mond an oder produzieren neue Katzenjunge, die sich ein paar Monate später in den turbulenten Reigen fügen. Für uns, die wir unter diesen Dächern wohnen, ist diese eigenwillige Nutzung nicht unbedingt die reinste Freude. Erstens würden wir nachts gerne schlafen, und zweitens verrutschen oder brechen durch diese Jagden etliche Ziegel, was zur Folge hat, dass es bei uns im Schlafzimmer von der Decke tropft.

So sehr ich Katzen an sich mag, über meinem Haus wollte ich sie nicht. Periodisch wiederkehrend versuchte ich die unwillkommenen Bewohner mit einer Wasserladung oder Händeklatschen zu vertreiben – mit mäßigem Erfolg. Tagsüber flüchteten die Katzen, wenn sie mich nur sahen, nachts blieben sie die unangefochtenen Herren über den Dächern.

Die Situation änderte sich, als wir bemerkten, dass eine Katze trotz ihrer offensichtlichen Furcht auch tagsüber im Vorgarten und Innenhof herumstromerte. Den Grund dafür bemerkten wir ein paar Wochen später: Die weiße Holzblende unter dem Herd war zur Seite gerutscht. Dahinter hörten wir deutlich ein mehrstimmiges und hungriges Fiepen. Für uns bedeutete die neue Lage Waffenstillstand – die Mutter aber blieb misstrauisch und säugte ihre Jungen nur in der Nacht. Die wilden Jagdpartien über die Dächer waren wie durch Zauberhand beendet.

Hin und wieder spähten wir durch den Spalt der Blende und sahen drei niedliche, verängstigte Katzenjunge, die einträchtig nach ihrer Mutter fiepten.

Die Jungen wurden größer, und irgendwann zog die Mama mit ihrem Wurf in den Vorgarten, wo die Jungen in geschützter Umgebung wohl alles lernen sollten, was eine Straßenkatze in Salvador zum Überleben braucht. Wie ihre Mutter blieben die Kinder misstrauisch und flohen, wenn sie uns sahen, entsetzt hinter einen Busch oder einen Kübel. Manchmal, wenn ich zum Tor hereinkam, sah ich das Knäuel der drei Kids flauschig und verspielt in der Einfahrt liegen.

Eines Tages war ein Junges fort und tauchte nicht mehr auf. Die verbliebenen zwei rückten umso näher zusammen und begannen langsam, ihre kleine, überschaubare Welt zu erobern.

Nicht lange danach dann die Katastrophe: Die Mutter und Katzenkind Nummer eins waren wie vom Erdboden verschwunden. Übrig blieb ein winziges, hellbraun und weiß geflecktes Wesen, das zitternd ein paar Tapser nach vorn und wieder zurück machte. Hunger und Furcht kämpften verbissen um die Oberhand. Wenn der Magen zu leer wurde, traute sich das Tier in die Nähe der feindlichen Linien. Wir stellten ihm ein Schälchen mit Milch hin, das Junge schleckte gierig und stob wieder davon in den vermeintlich sicheren Garten.

Das Spiel ging eine Weile hin und her, bis schließlich die Neugier siegte, und das Tier in die faszinierende Innenwelt des Hauses schlüpfte. Es schnupperte irritiert an Plastikpflanzen, an morschen Holzleisten, kühlen Wänden und dem klingenden Bauch der Gitarre und stob davon, wenn sie mich oder meine Frau bemerkte.

Bis ich einmal still im Schneidersitz auf dem Boden saß und mich nicht rührte. Der kleine Kater beäugte mich, stromerte um mich herum, streifte sein Fell an meinem Rücken und rollte sich in wenigen Zentimetern Entfernung vor mir zusammen. Ich streckte eine Hand aus und begann vorsichtig, ihn zu streicheln.

Wir haben ihn Toni genannt, und seitdem gehört er zu unserer Familie.

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