München blinzelt aus der Ferne

Um dem schnöden und oft banalen Alltag ein Schnippchen zu schlagen, hilft manchmal ein ganz einfacher Trick: Man tut so, als sähe man alles, was einem begegnet, zum ersten Mal. Als ich mein Fotoarchiv mit älteren Motiven durchstöberte und auf eine kleine Bildergalerie von München stieß, hatte ich genau diesen Eindruck: Als sähe ich meine Heimatstadt zum ersten Mal – mit den Augen eines weit hergereisten Fremden.

München gilt ja als Brutstätte der Schickimickis, Großkopferten, Schnösel, Zuagrastn und arrogant-verwöhnten „Paains-gänger (sprich P1, die berühmt-begehrt-berüchtigte Disko am Haus der Kunst). Mit den wiederentdeckten Fotos wurde mir klar, dass die nördlichste Stadt Italiens auch ganz andere Seiten hat. 

Ich wohnte bis zu meinem Umzug nach Brasilien in Neuhausen – auf der Seite der „einfachen Leute“ diesseits des Nymphenburger Kanals. Und hier gab es eine Menge zu entdecken: Den steinernen Löwen vor der Wirtschaft des gleichnamigen Bräus, das seltsame Relief an einer strengen Fassade aus der Gründerzeit, verwunschen wirkende Vorgärten wie hingeweht aus einer fremden Welt, und im Winter eislaufende und Eisstock-spielende Männer, Frauen und Kinder.

Wenn sich die Stadt unter einer weichen Bettdecke aus Schnee kuschelte (was leider immer seltener vorkommt), wirkte die steinerne Schöne an der Wittelsbacher Brücke, als könnte sie im nächsten Moment ihre weiße Mütze abschütteln und zu einem Rendezvous davon eilen.

Im warmen Frühjahr reckte die Glyptothek im stolzen Wissen um ihre Schönheit ihre Glieder unter den Himmel, im – wegen Mieterhöhung weg rationalisierten Café Tambosi flog der Blick der Gäste zwischen Latte Macchiato, der Theatiner Kirche und möglichen Flirtpartnern hin und her, der Biergarten am Chinesischen Turm stand vor lauter Blasmusik, Lebenslust und geleerten Maßen kurz vor dem Delirium. Hoch oben an der Fassade der Residenz blinzelten müde ein paar Skulpturen und hielten Ausschau nach dem verschwundenen König.

Die Drehorgel an der Auer Dult nahm die Zuhörer mit in vergangene Zeiten, als Kronprinz Ludwig und Therese das erste Oktoberfest aus der Taufe hoben und die Züge noch mit Dampf ratterten. Bavaria erhob sich satt über blühenden Kastanienbäumen, und zur Wiesnzeit schwang dich das Kettenkarussell hoch hinauf in den weißblauen Himmel der Bayern.

Aber zum Glück komme ich ja „para matar a saudade“ – „um die Sehnsucht zu töten“, wie die Brasilianer sagen, zweimal im Jahr nach München – um es immer wieder zum ersten Mal zu erleben …

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