Corona-Alltag in Brasilien

Ich habe meinen ersten „Corona-in-Brasilien-Text“ im Frühjahr 2020 geschrieben, als es noch kaum Tote gab und es schien, Brasilien würde wie durch ein Wunder haarscharf an der Pandemie vorbeisegeln. Nun, im Februar 2021, ist das Schiff, um beim Bild zu bleiben, kaum noch manövrierfähig, das Segel zerrisssen, während der Kapitän über die Lage Witze reisst und sagt, er würde auf keinen Fall eine Werft aufsuchen, die den Schaden repariert. Für ihn war und ist das Virus nur eine „Gripezinha“ – eine nicht ernst zu nehmende kleine Grippe – obwohl er selbst bereits das Virus hatte. Der aktuelle Stand der Toten (Ende Februar etwa Zweihundertfünfzigtausend) schnellt ähnlich unkontrollierbar in die Höhe wie die Inflation. Einfaches Sojaöl ist mehr als doppelt so teuer wie vor einem Jahr – und das im Land eines der größten Sojaproduzenten weltweit. Auch die Preise für Baumaterialien sind teils um hundert Prozent in die Höhe geschossen.  Käse, Wurst, Fleisch und Milch sind mittlerweile fast Luxuswaren – Müsli (ein Kilo fünfundzwanzig Reais) und Joghurt sowieso. Für einen Real (dem Wechselkurs nach  vielleicht siebzehn Cent – in der Realität, im Verhältnis zum Lohnniveau der überwältigenden Mehrheit, entspricht das einem Gegenwert von mindestens einem Euro) erhält man ein Tütchen Kartoffechips von achtzehn Gramm – das entspricht etwa fünf Chips. Nun sind Kartoffelchips nicht gerade notwendig zum Leben –  der Preis ist jedoch ein Ausdruck dafür, das jedes bisschen Luxus nur noch ab der oberen Mittelklasse erschwinglich ist.

Die Intensivstationen der Krankenhäuser in Salvador sind überfüllt. Aktuell gibt es nur noch Plätze für Patienten, die entsprechendes über Kleingeld oder Vitamin B verfügen. Inzwischen hat man sogar das Stadion „Fonte Nova“, in dem seinerzeit auch die deutsche WM-Mannschaft spielte, in ein Not-Krankenhaus verwandelt.  In Manaus werden die Schwerkranken mit dem Helikopter in acht „umliegende“ Städte (das heißt, einige tausend Kilomenter entfernt) geflogen. Tagelang gab es am Amazonas keinen verfügbaren Sauerstoff mehr. Und Manaus ist nicht die einzige Stadt mit Beschaffungsproblemen. In ganz Brasilien gibt es einen eklatanten Engpass von Spritzen und Sauerstoff. 

All diese Schrecken halten die meisten Menschen jedoch nicht davon ab, ihre Gewohnheiten zu ändern. Masken sind in Süd-Brasilien, wo viele deutsche Einwandererfamilien wohnen, vielleicht noch angesagt – je weiter man nach Norden kommt, desto mehr schwindet die Bereitschaft, und das Maskentragen treibt phantasievolle, typisch brasilianische Blüten: Mal hängt das oft hübsch bestickte und bedruckte Stoffteil, das eigentlich schützen soll, an der Ohrmuschel, meist baumelt es irgendwo unter dem Kinn, dient als Stirnband oder Sonnenschutz, wurde zu Hause vergessen oder liegt zusammen mit dem anderen Müll auf der Straße.

In Salvador treibt die Corona-Epidemie teils seltsame Blüten. Ähnlich wie im quirligen Neapel leben die Menschen hauptsächlich auf der Straße. Abends sitzen sie vor ihren Häusern und ratschen, Einkäufe ziehen sich wegen unendlich vieler Begegnungen endlos in die Länge, und am Wochenende wird das Wohnzimmer der Familie vom Haus an den Strand verlagert.

So sieht das Wohnzimmer der Salvadorianer inzwischen wieder aus …

Und die Strände sind, nach einer kurzen Schockphase am Anfang, wieder genauso voll wie vor Corona. Hin und wieder gehe ich staunend an der Promenade spazieren, sehe durchweg maskenlose Menschen und werde mit meiner Gesichtsbedeckung angesehen wie ein Wesen vom anderen Stern. Brasilien wurde ja schon seit jeher heimgesucht von geradezu biblisch anmutenden Plagen: Dengue-Fieber, Malaria, Zika- und Chikungunya-Virus, Gelbfieber oder Sarampo – da spielt, nach Ansicht der meisten, eine Seuche mehr oder weniger kaum eine Rolle. Vor allem, wenn dem eigenem Präsidenten das Corona-Virus – und die Folgen für die Menschen am Arm vorbeigehen.

Bitter wird es nur, wenn man in der eigenen Familie oder im engeren Umfeld Menschen verliert oder auf der Intensivstation durch die Glasscheibe um Luft ringen sieht. Und das geschieht immer öfter. Auch in unserem Umfeld sind viele Menschen gestorben – der Chef der Tante meiner Frau, eine Freundin hat ihren Cousin oder Bruder verloren,  einige Familien wurden von einer Woche zur anderen vollkommen ausgelöscht. Und das betrifft  nicht wie in Deutschland hauptsächlich alte, sondern auch viele sehr  junge Menschen. Ich habe nicht mitgezählt – aber meine Frau hat seit seit Beginn der Pandemie sicher schon dreißig mal die Nachricht erhalten, dass eine Bekannte oder ein Freund Angehörige verloren hat.

Erstaunlicherweise ist der in Salvador am meisten betroffen Stadtteil Pituba – ein Viertel, in dem der obere Mitttelstand lebt. Die Söhne und Töchter der Wohlhabenden können es sich leisten zu feiern, ausufernde Strandparties zu feiern und, wenn Mama und Papa nicht da sind, es zu Hause ordentlich krachen zu lassen. Also ist Corona  im Gegensatz zu den anderen Seuchen, die vornehmlich die Armen treffen, ein großer Demokratisierer (abgesehen von den verfügbaren Plätzen auf Intensivstationen  aber auch die sind oft nicht mehr in der Lage, das Leben der Kranken zu retten).

Wer sich in Brasilien zuerst angesteckt hatte, waren ebenfalls die Reichen, die von einem Italien- oder Spanienurlaub zurückkamen. Sie gaben das Virus an ihre Empregadas – die Hausangestellten  weiter (sie hielten es nicht für nötig, diese in irgendeiner Weise zu schützen), die Fieber und Atemnot weiter zu ihren Familien trugen. Was Ladenschließungen und Lockdown nicht verhindern können, bringen jedoch die wahren Herren der Favelas fertig – die Drogenbosse. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus würde ihr Geschäft ruinieren, deshalb setzen sie den Anwohnern die Pistole auf die Brust und verdonnern sie zu Maskentragen und manchmal sogar Hausarrest. 

Wo jedoch die Drogenbarone nicht präsent sind, ermüden die Menschen von der Quarantäne und kehren mit Verve zurück zu dem, was sie am meisten vermissen und am besten können: Feiern ohne Ende! Alle, die ähnlich denken und fühlen, finden sich in trauter Eintracht vor unserer Haustür ein, wo die Nachbarn so viel Bier verkaufen wie selten zuvor.

Und ich sitze in meinem Haus, höre den Lärm wie aus einer anderen Welt ins Innere hallen und wundere mich. Meine Flüge nach und von Deutschland musste ich canceln, meine Lesungen fallen aus und ich hatte auf einmal Muße für ein neues Projekt, für das ich normalerweise nie die Zeit gefunden hätte. So gleicht sich irgendwie alles wieder aus …

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