Corona-Alltag in Brasilien

In Salvador da Bahia treibt die Corona-Epidemie teils seltsame Blüten. Ähnlich wie im quirligen Neapel leben die Menschen normalerweise hauptsächlich auf der Straße. Abends sitzen sie vor ihren Häusern und ratschen, Einkäufe ziehen sich wegen unendlich vieler Begegnungen endlos in die Länge, und am Wochenende wird das Wohnzimmer der Familie vom Haus an den Strand verlagert.

So sehen die Strände normalerweise aus …

Und nun – gespenstische Stille. Die Strände verwaist, Marktstände geschlossen, Restaurants und Bars wie leergefegt. Über die Wangen, auf denen normalerweise Küsschen verteilt werden, spannt sich eine hässliche Maske. Eine Katastrophe ist die Ausgangssperre vor allem für die zahlreichen Bewohner der Straße,  die fliegenden Händler und Bettler. Wenigstens erhalten sie von der Gemeindeverwaltung nun eine Cesta Basica – eine Anzahl ausgewählter Lebensmittel, die immerhin das Überleben sichern.

Die meisten Brasilianer haben Furcht vor dem Virus, und das ist umso erstaunlicher, als das Land ja fortwährend heimgesucht wird von geradezu biblisch anmutenden Plagen: Dengue-Fieber, Malaria, Zika- und Chikungunya-Virus, Geldfieber oder Sarampo – die Liste der modernen Seuchen ließe sich noch weit verlängern. Erstaunlich ist diese Furcht auch deshalb, weil ihr eigener Präsident, Jair Bolsonaro, die weltumspannende Krise von Anfang an schöngeredet und verharmlost hat.

… und so sind sie jetzt 

In den Favelas ist die Gefahr einer Epidemie am größten. Auf der Fläche eines Wohnzimmers leben oft zehn oder mehr Menschen aller Generationen nebeneinander – eine ideale Brutstätte nicht nur für das Corona-Virus. 

Wer sich in Brasilien zunächst angesteckt hatte, waren die Reichen, die von einem Italien- oder Spanienurlaub zurückkamen. Sie gaben das Virus an ihre Empregadas – die Hausangestellten weiter (sie hielten es nicht für nötig, diese in irgendeiner Weise zu schützen), die Fieber und Krankheit zu ihren Familien und in die Favelas trugen. Was Ausgangssperre und Polizei nicht verhindern können, bringen die wahren Herren der Favelas fertig – die Drogenbosse. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus würde ihr Geschäft ruinieren, deshalb setzen sie den Anwohnern die Pistole auf die Brust und verdonnern sie zu Hausarrest. Vor allem deshalb hat sich das Virus in dem an sich chaotischen Brasilien noch nicht so verbreitet wie in vielen anderen Ländern.

Wo jedoch die Drogenbosse nicht präsent sind – wie zum Beispiel in  meinem Viertel – ermüden die Menschen von der Quarantäne und kehren mit Verve zurück zu dem, was sie am meisten vermissen und am besten können: Feiern ohne Ende! Alle, die ähnlich denken und fühlen, finden sich in trauter Eintracht vor unserer Haustür ein, wo die Nachbarn so viel Bier verkaufen wie selten zuvor.

Und ich sitze in meinem Haus, höre den Lärm wie aus einer anderen Welt ins Innere hallen und wundere mich. Meine Flüge nach und von Deutschland wurden gecancelt, meine Frühjahrslesungen fallen aus und ich habe auf einmal Muße für ein neues Projekt, für das ich normalerweise nie die Zeit gefunden hätte. So gleicht sich irgendwie alles wieder aus …

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