Der schlafende Riese

Ich habe meinen ersten „Corona-in-Brasilien-Text“ im Frühjahr 2020 geschrieben, als es noch kaum Tote zu beklagen gab und es schien, Brasilien würde wie durch ein Wunder haarscharf an der Pandemie vorbeisegeln. Nun, im August 2021, ist das Schiff, um beim Bild zu bleiben, kaum noch manövrierfähig und das Segel zerrisssen, während der Kapitän über die Lage Witze reißt und sagt, er würde auf keinen Fall eine Werft aufsuchen, die den Schaden repariert. Für ihn war und ist das Virus nur eine „Gripezinha“ – eine nicht ernst zu nehmende kleine Grippe – obwohl er selbst bereits mit dem Virus infiziert war. Der aktuelle Stand der Toten (Anfang August über fünfhundertdreiundsechzigtausend) schnellt ähnlich unkontrollierbar in die Höhe wie die Inflation. Einfaches Sojaöl ist mehr als doppelt so teuer wie vor einem Jahr – und das im Land eines der größten Sojaproduzenten weltweit. Auch die Preise für Baumaterialien sind teils um hundert Prozent in die Höhe geschossen.  Käse, Wurst, Fleisch und Milch sind mittlerweile fast Luxuswaren – Müsli (ein Kilo fünfundzwanzig Reais) und Joghurt sowieso. Für einen Real (dem Wechselkurs nach  vielleicht siebzehn Cent – in der Realität, im Verhältnis zum Lohnniveau der überwältigenden Mehrheit, entspricht das einem Gegenwert von mindestens einem Euro) erhält man ein Tütchen Kartoffechips von achtzehn Gramm – das entspricht etwa fünf Chips. Nun sind Kartoffelchips nicht gerade notwendig zum Leben – der Preis ist jedoch ein Ausdruck dafür, das jedes bisschen Luxus nur noch ab der oberen Mittelklasse erschwinglich ist.

Die Intensivstationen der Krankenhäuser in Salvador sind periodisch wiederkehrend überfüllt. Oft gab es selbst in den öffentlichen Hospitälern nur noch Plätze für Patienten, die über entsprechendes Kleingeld oder Vitamin B verfügen. Inzwischen hat man sogar das Stadion „Fonte Nova“, in dem seinerzeit auch die deutsche WM-Mannschaft spielte, in eine gewaltige Impfarena verwandelt.  In Manaus wurden die Schwerkranken mit dem Helikopter in acht „umliegende“ Städte (das heißt, einige tausend Kilomenter entfernt) geflogen. Tagelang gab es am Amazonas keinen verfügbaren Sauerstoff mehr. Und Manaus ist nicht die einzige Stadt mit Beschaffungsproblemen. In ganz Brasilien gibt es einen eklatanten Engpass von Spritzen und Sauerstoff. 

All diese Schrecken halten die meisten Menschen jedoch nicht davon ab, ihre lieb gewordenen Gewohnheiten zu ändern. Masken sind in Süd-Brasilien, wo viele deutsche Einwandererfamilien wohnen, vielleicht noch angesagt – je weiter man nach Norden kommt, desto mehr schwindet die Bereitschaft: Mal hängt das oft hübsch bestickte und bedruckte Stoffteil, das eigentlich schützen soll, an der Ohrmuschel, meist baumelt es irgendwo unter dem Kinn, dient als Stirnband oder Sonnenschutz, wurde zu Hause vergessen oder liegt zusammen mit dem anderen Müll auf der Straße.

In Salvador treibt die Corona-Epidemie teils seltsame Blüten. Ähnlich wie im quirligen Neapel leben die Menschen hauptsächlich auf der Straße. Abends sitzen sie vor ihren Häusern und ratschen, Einkäufe ziehen sich wegen unendlich vieler Begegnungen endlos in die Länge, und am Wochenende wird das Wohnzimmer der Familie vom Haus an den Strand verlagert.

So sieht das Wohnzimmer der Salvadorianer inzwischen wieder aus …

Und die Strände sind, nach einer kurzen Schockphase am Anfang, wieder genauso voll wie vor Corona. Hin und wieder gehe ich staunend an der Promenade spazieren, sehe durchweg maskenlose Menschen und werde mit meiner Gesichtsbedeckung angesehen wie ein Wesen vom anderen Stern. Brasilien wurde ja schon seit jeher heimgesucht von geradezu biblisch anmutenden Plagen: Dengue-Fieber, Malaria, Zika- und Chikungunya-Virus, Gelbfieber oder Sarampo – da spielt, nach Ansicht der meisten, eine Seuche mehr oder weniger kaum eine Rolle. Dazu kommt die Ignoranz  des Präsidenten, der Pandemie auch nur annähernd adäquat zu begegnen.

Die Fähigkeit der Brasilianer, vor allem der Nordestinos – der Menschen im teils afrikanisch anmutenden Nordosten, Schicksalsschläge, politische Umwälzungen und Widrigkeiten des Alltags einfach hinzunehmen und zu integrieren, ist – je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt – beneidenswert oder zum Haare ausraufen. Während in Argentinien die Mütter und Frauen der in der Militärdiktatur Verschwundenen vehement auf der Plaza de Mayo gegen das Vergessen demonstrierten, ist die Zeit der Diktatur in Brasilien nahezu aus dem Bewusstsein verschwunden. Anstatt sich um Politik und den Schnee von gestern zu kümmern, tanzen die Menschen lieber Samba und leben unbeschwert losgelöst  im Hier und Jetzt.

Allerdings erinnere ich mich an eine Zeit vor der Weltmeisterschaft 2014, als die ganze Welt auf Brasilien blickte – ein damals kraftstrotzendes Land voller Hoffnung – der „schlafende Riese“, wie es von vielen  Einwohnern genannt wurde. Dilma Rousseff, die Nachfolgerin von Präsident Luis Inázio Lula da Silva, der die WM, genauso wie die Olympiade, auf den Weg gebracht hatte, setzte die Sozial-Reformen ihres Vorgängers fort. Millionen Menschen wurde mit der „Bolsa Família“, einem staatlichen Kindergeld, der Weg aus bitterster Armut geebnet, Schwule und Lesben entwickelten ein neues Selbstbewusstsein, und der Schutz des Regenwaldes wurde endlich auf die Tagesordnung geschrieben. Es gab damals etliche Demonstrationen – eigentlich eher Straßenpartys –, die diesem neuen Selbstbewusstsein und der explodierenden neuen Hoffnung Ausdruck verliehen. Ich war selbst auf einigen dabei und fühlte mich mitgerissen von der Idee des Aufbruchs und dem berauschenden Gefühl: in diesem Land ist alles möglich! Etliche Teilnehmer trugen phantasievolle, farbenträchtige Kostüme, viele trugen Schilder mit kreativen und witzigen Sprüchen vor sich her, Sambatrommeln dröhnten durch die schmalen Gassen,  Heteros, Schwule, Transsexuelle und Lesben tanzten wild chaotisch durcheinander, und alle Welt war trunken von der Gewissheit – Brasilien ist der Gastgeber der Welt, ein Vorbild der Entwicklung vom Dritte-Welt- zum Schwellenland, nur einen Fußbreit entfernt vom Schulterschluss mit Europa und den USA. Die WM war dann – trotz des traumatischen 7:1-Desasters – ein fröhliches, rauschendes Spektakel, dessen Gastgeber sich so selbstbewusst fühlten, dass sie sogar in der Lage waren, die vernichtende Niederlage gegen Deutschland wegzulächeln.

All dies wirkt heute, gerade einmal sieben Jahre danach, wie eine wehmütige Reminiszenz aus einer Lichtjahre entfernten Welt. Nur zwei Jahre nach der WM wurde Dilma Rousseff mit einem mehr als fragwürdigen Impeachment ihres Amtes enthoben, der Nachfolger, ihr ehemalige Vizepräsident Temer, war nur der Vorbote einer Apokalypse, die das Land mittlerweile überfällt. Das damals noch hohe Wirtschaftswachstum ist in sich zusammengebrochen, die Arbeitslosigkeit – zum Beispiel in Bahia –  zählt zu den höchsten weltweit. Die politische Rechte, die während der Lula-Dilma-Periode nur im Winterschlaf vor sich hin dämmerte, ist wie in Trumps USA aufgewacht und hat sich fundamental an allem, was ihr ein Dorn im Auge ist, gerächt. Die evangelikalen Kirchen, schon seit jeher ein gewaltiger Machtfaktor, sind zu selbstherrlicher Größe erwacht und stampfen zusammen mit dem Präsidenten, dessen Wahl sie mit ihrer Unterstützung erst ermöglicht haben, all das, was in den Jahren zuvor erblüht ist, in Grund und Boden. Teils absurde Verschwörungstheorien über Lula, Dilma und alles was links riecht, machen die Runde, kritischen Medien wird der Geldhahn abgedreht, Tausende von Goldsuchern fallen wie die Heuschrecken in indigene Gebiete ein, roden Bäume, vergiften Flussläufe und Bäche und  infizieren nebenbei die Ureinwohner, um ihre Gier nach glitzerndem Edelmetall zu stillen. Immer wieder machen Umsturzgerüchte die Runde, der Präsident, selbst nicht viel mehr als eine Marionette der Generäle, hat entscheidende Stellen im Apparat mit Militärs besetzt und scheint nur auf die Stunde seiner endgültigen, absoluten  Machtergreifung zu warten.

Doch die Dunkelheit ist vor Tagesanbruch bekanntlich am größten, und es gibt tatsächlich wieder Hoffnung. Ex-Präsident Lula, der zwei Jahre wegen eines fragwürdigen Korruptionsvorwurfs im Gefängnis saß, ist seit Monaten auf freiem Fuß. Überall im Land kommt es zu Demonstrationen gegen Bolsonaro, dem nun sein Missmanagement in der Krise vor die eigenen Füße fällt. Bemerkenswert ist vor allem, dass etliche Mächtige, Unternehmer und Militärs sich langsam von ihrem Günstling abwenden und offensichtlich neu orientieren. Die Wirtschaft verharrt nach wie vor in Dauer-Agonie, und  langsame Fortschritte in der Pandemiebekämpfung sind ausschließlich das Verdienst der Gouverneure, die die Impfung der Bevölkerung in ihren Staaten organisieren. Es scheint, als würden die Karten hinter den Kulissen des Machtapparats  wieder neu gemischt …


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