Samos und die Schönheit des einfachen Lebens

Entgegen weitverbreiteter Meinung war früher auch nicht alles besser. Schon vor zwanzig oder dreißig Jahren war die griechische Inselwelt längst nicht mehr ein Paradies für Aussteiger, Hippies und wenige betuchte Schöngeister, sondern – zumindest die größten Inseln – Hotspot des um sich greifenden Pauschaltourismus. Ich hatte einen Direktflug von München nach Samos gebucht, das damals noch nicht im Brennpunkt der Flüchtlingskrise und am scharf geschliffenen Endpunkt Europas lag. Vom Flughafen aus ließ ich mich in ein mittelgroßes Städtchen am Meer kutschieren. Ich hatte den Taxifahrer nach einer gemütlichen, günstigen, am besten direkt am Strand gelegenen Unterkunft gefragt, und er fuhr mich zu einer gesichtslosen Front von Mini-Appartements inklusive Einkaufsparadies und Pool für alle. Er sah meinen Gesichtsausdruck, hob die Achseln und begütigend die Hände. Etwas anderes gab es nicht. Ich stieg reichlich benebelt aus – wie sollte ich hier vierzehn Tage Urlaub ertragen?

Plötzlich, in einer verschwörerischen Geste, winkte er mich noch einmal zu sich heran. Er wüsste vielleicht doch etwas, nur bräuchte ich dafür ein Moped. Ich stieg erleichtert wieder ein, er fuhr zu einem Freund, der mit günstig einen Roller vermietete, und dann ging es unter Sternenlicht hinter seinem stinkenden Diesel aus dem Ort hinaus. Nach drei bis vier Kilometern, mitten im Niemandsland, blieben wir stehen. Er wies auf einen Steilhang links über dem Meer. Dort klebte wie der Kaugummi eines Riesen ein winziges Haus und trotzte der Schwerkraft, dem ewigen Salz, Wind, Starkregen und der mediterranen Sonne. Gemeinsam  kletterten wir eine schmale Treppe hinauf, er nestelte an einem riesigen Schlüssel und öffnete die Tür. Mir schlug ein heftiger Geruch nach Karbolineum entgegen.

Der Fahrer grinste. „Es wird gerade renoviert. Elektrisches Licht und heißes Wasser gibt´s nicht“. Er wies auf ein paar Kerzen, die auf einer Art wackligem Tisch standen. „Zehn Mark die Nacht. Mit Vorkasse.“ Ich zahlte todesmutig im Voraus für den ganzen Urlaub und verabschiedete ihn herzlich. Nachdem sich die Nase an der stechenden Geruch gewöhnt hatte, war es durchaus zu ertragen. Ich mochte jetzt schon den leicht säuerlichen  Duft der alten Wände, den kalten, rissigen Fußboden und den schier unglaublichen Blick aus Tür und Fenster: Der Himmel war blitzblank und stand voller Sterne. Über dem Meer dümpelte behäbig der Mond und überzog die Wellen mit flüssigem Silber. Von fern her hörte ich ein Rauschen, das direkt in meine Eingeweide strömte.

Ich trank von meiner mitgebrachten Flasche Retsina, aß Käse mit Oliven und fühlte mich mitten im Paradies. Als ich frühmorgens aufwachte, zwitscherten die Vögel, die Kräuter im Vorgarten dufteten unglaublich frischund ich sah vor mir die endlos weite Schale des Meeres.

In den zwei Wochen meines Aufenthalts besuchte ich einsame Kirchen mit bärtigen Popen, sah Mohn- und Margaritenwiesen direkt am Meer, uralte Olivenbäume, Schafherden samt Hüter und einen einsamen Bergsee mit türkisblauem Wasser, in das ich zitternd und glücklich abtauchte.

Manchmal muss man nur die richtigen Leute treffen…

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