Kuba – Rum trinken oder duschen

Mitte der 1990er Jahre, noch bevor ich Brasilien kennenlernte, flog ich nach Kuba, ein Land, das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion – ganz ähnlich wie heute – mitten in einem Umbruch stand. Es war Mitte Februar, und ich war voller Vorfreude auf die karibische Sonne, heiße Salsa-Rhythmen und die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Kubaner.

Doch als ich am späten Nachmittag in Havanna ankam, erwartete mich ein von heftigen Böen begleiteter kühler Starkregen, der die Straßen und Bürgersteige in strömende Bäche verwandelte. Mühsam quälte sich mein altertümliches Taxi durch Schlammlawinen, vorbei an hupenden Autos, gegen den Wind kämpfenden Mopedfahrern und Fußgängern in die Innenstadt.  Langsam ließ der Regen nach, wurde zu einem Tröpfeln und hörte schließlich ganz auf. Die alten kolonialen Fassaden, Bäume, Bürgersteige und Autos begannen vor Feuchtigkeit zu dampfen. Ich stieg aus dem Taxi und rieb mir fröstelnd die Arme. Die Temperatur war alles andere als karibisch.

Freunde hatten mir versichert, es sei recht einfach, in Havanna eine Unterkunft zu finden, es gebe eine Menge von jungen Kerlen, die den Touristen für wenig Geld eine private Bleibe vermittelten. Und genauso geschah es: Nach kaum einer Minute sprach mich ein gerade dem Stimmbruch entwachsener Junge an und redete mit krächzender Stimme, begleitet von Händen, Füßen und überschwellender Begeisterung auf mich ein. Ich verstand von dem feurig klingenden, aber kaum zu entschlüsselnden kubanischem Spanisch gerade mal ein Wort – habitación. Ich nickte erleichtert, und der Junge führte mich zu einer nahegelegenen Wohnung im Erdgeschoss eines ehemals prächtigen, langsam vor sich hin modernden Hauses. Die Besitzerin besaß einen hauchfeinen Schnurrbart, war noch oder bereits wieder im Nachthemd und empfing mich mit einem schmatzenden Kuss auf die Wangen. Das Zimmer mit den hohen Wänden, abblätterndem Stuck und einem riesigen, durchhängenden Bett war düster und alles andere als günstig. Doch plötzlich drehte sich die Welt vor mir in Kreisen, ich sagte mit letzter Kraft zu und sank fünf Minuten später in Tiefschlaf.

Ich wachte auf von den schrillen, stark synkopierten Rhythmen eines Salsa. Das Stakkato der Trommeln, die anscheinend unmittelbar aus dem Nebenzimmer kamen, fuhr direkt in meinen Solarplexus. Ich schreckte hoch, eilte ins Wohnzimmer und fand die Dona friedlich bei einer Häkelarbeit. Ich fragte sie schreiend, was es mit dem Lärm auf sich habe, und sie antwortete ebenso laut und fröhlich: „Carnaval está!“

Wochen zuvor hatte ich gelesen, dass der Karneval in Kuba seit vielen Jahren im Sommer stattfand. Dieser Brauch war, wie mir die an- und abschwellende Musik verriet, anscheinend kurzfristig geändert worden. Ich stopfte ein wenig Geld in die Tasche, sprühte mir ein Parfum unter die Achseln und stürmte mit wieder erwachter Energie nach draußen.

Hunderte von ausgelassenen, sich umarmenden, tanzenden, trinkenden und lachenden Menschen säumten die Straßen. Etliche Mädchen und Frauen trugen spitzenbesetzte traditionelle Kleidung mit Reifröcken, die sie anmutig wie einen Kreisel im Tanz bewegten. Der Kontrast der schneeweißen, höfischen Tracht zu den oft dunkelfarbigen Gesichtern und dem strahlenden Lachen war bestechend. In der Mitte der Avenidas krochen urtümliche, anscheinend aus der Frühzeit des Automobils stammende Ungeheuer, die ich auf den zweiten Blick als Lastwagen identifizierte. Auf den Ladeflächen spielten Salsa-Bands tropische, aufrüttelnde Melodien, die ohne Umweg übers Gehirn direkt in den Bewegungsapparat fuhren. An einfach zusammengezimmerten Barracken gab es kubanisches Bier, Cola, Fruchtcocktails und – Rum; frisch destillierten, mittelalten und einen bernsteinfarbenen, mindestens zehn Jahre alten Rum, der innerhalb von Sekunden die Nervenbahnen vom Kopf zum Rumpf kappte und letzteren das machen ließ, was er wollte.

Auf einmal glitt mir mein Spanisch verblüffend leicht von der Zunge. Ich arbeitete mich zielstrebig vom farblosen zum bernsteinfarbenen Destillat vor und fiel fast in die lachenden Augen einer weiß berockten haselnussfarbenen Chica, die mir geduldig, aber erfolglos die komplizierten Schrittfolgen des Salsa beizubringen versuchte. Innerhalb einer halben Stunde absolvierte ich einen Crashkurs in volkstümlichem, kubanischem Spanisch. Nach und nach wurden unsere Schritte langsamer, ihre Augen und ihr Mund wurden größer, und der Rest verlor sich in einem Wirbel, über den sich später ein gnädiger Schleier des Vergessens legte … Nur an eines konnte ich mich danach genau erinnern: Der Mond über Havanna ist keine Sichel, sondern eine Schale. In dieser Nacht war sie vollgefüllt bis an den Rand.

Mittags wachte ich auf von einem stechenden Kopfschmerz und einem dumpfen Pochen, das direkt aus dem Inneren meines Schädels rührte. Kaum hatte es sich ein wenig gelegt, dröhnten die Salsa-Rhythmen von der Straße mit unverminderter Stärke wieder auf. Zum Glück traf kurz darauf José, mein jugendlicher Ratgeber für Havanna ein, um zu sehen ob alles beim Rechten war. Er bemerkte die Ringe unter meinen Augen, schielte auf den eben abgestellten Flacon mit teurem Gucci-Parfum und fragte grinsend: „Todo está bien?“ Ich zuckte mit den Schultern und schrie: „Más o menos. Ist das hier jeden Tag so laut? Er nickte fröhlich und machte ein paar gekonnte Salsaschritte. Mühsam versuchte ich ihm zu erklären, dass die 24-Stunden-Dauerbeschallung auf die Dauer nicht das Richtige für mich wäre.

„No hay problema.“ Er verschwand kurz im Wohnzimmer und kam zwei Minuten später wieder zurück. „Ich weiß eine schöne Wohnung ganz in der Nähe. Ruhig wie ein nuckelndes Baby. Nur …“, er wies auf die Tür. „Die Señora will natürlich einen Ausgleich für die entgangene Miete.“ Ich packte rasch meine Sachen, zahlte der Dona zähneknirschend fünfzig Dollar Abstand, und wir eilten ins Freie. „Wir fahren“, schrie José, „das geht schneller!“

Ich sah mich nach einem Moped oder Motorrad um, doch der Junge wies auf ein halb verrostetes schwarzes Fahrrad, das in etwa der Generation der umstehenden Oldtimer entstammte. Er wies einladend auf den rachitischen Gepäckträger, ich setzte mich steif darauf, hielt krampfhaft meinen Rucksack fest, und José fuhr wild hupend und schlingernd durch die sich eben füllenden Gassen. Fünf Minuten später wurde es tatsächlich ruhiger, und wir hielten vor einem vierstöckigen, mit einem geschwungenen Balkon versehenen Haus an. José zog das schwere Portal auf, und wir gingen die ausgetretene Treppe hinauf in den dritten Stock. Der Junge klingelte, und es öffnete eine blonde Dame mit Schnittlauchlocken und blitzblauen Augen. „Qué pasa?“, fragte sie skeptisch. Doch als sie mich und meinen Rucksack sah, hellten sich ihre Züge auf. „We have wonderful rooms“, sagte sie in schrecklichem Englisch. „Oder sprechen Sie etwa deutsch?“

Ich nickte erstaunt, und sie sagte beflissen, mit ähnlich grauenvollem Akzent: „Mein Mann und ich waren zehn Jahre in der DDR, bevor wir hier unsere Heimat fanden … Wir sind Russkye, aus Leningrad.“ Sie verdrehte ihre Augen. „Kuba ist einfach herrlich, nicht wahr?“ Die Dame führte uns durch einen breiten Korridor in ein riesiges Wohnzimmer mit braunen Plastikmöbeln und Stuckdecke und öffnete eine Flügeltür. „Willkommen zu Hause!“ Vor mir lag ein fast ebenso großer Raum, auch dieser mit Stuckdecke, ausgetretenem Parkett, kitschigen Blumenbildern und einem gigantischen, durchhängenden Himmelbett. „Das Bad ist auf der anderen Seite des Wohnzimmers.“

Ich fragte vorsichtig nach dem Preis, und sie nannte mir eine Summe deutlich über der meines letzten Zimmers. Ich zahlte süß-sauer den Betrag für eine Woche, gab José seine Provision und machte mich Minuten später auf den Weg ins Bad – ein hoher, mit blau-weißen Kacheln verzierter Raum mit einer gusseisernen Wanne. Ihr entströmte ein seltsamer Duft, den ich irgendwoher gut kannte. Mitten in der Wanne erhob sich eine merkwürdige, gläserne Apparatur, durch die eine farblose Flüssigkeit sickerte. Ich trat fasziniert darauf zu, und der Geruch wurde schier übermächtig. Ich begriff staunend, dass dies eine illegale, aber wohl lukrative Rumbrennerei war, die den Hausherren im Karneval einen ordentlichen Nebenverdienst einbrachte.

In den nächsten Tagen wurde ich noch öfter Zeuge der erstaunlich gesalzenen Preise, die entweder direkt mit Dollar oder dem gleichgeschalteten Peso Convertible bezahlt wurden. Erst gegen Ende meiner Reise wurde mir klar, dass man auf den Märkten für die Einheimischen mit dem kubanischen Peso meist nur Pfennigbeträge bezahlte.

Am meisten fasziniert hat mich bei aller karibischen Lebenskraft die nie im Widerspruch dazu stehende Leidenschaft für Gespräch, Geschichte und Politik. Wenn ich erzählte, dass ich aus Deutschland stamme, erwachte stets ein ungeheucheltes Interesse. Mann und Frau fragten mich gleichermaßen nach meiner Meinung zu Kapitalismus und Sozialismus, Alemanha oriental und occidental. Bei manch einer glutäugigen, hüftenschwingenden Mulata staunte ich nicht schlecht, aus ihrem Mund ein geschliffenes politisches Statement zu vernehmen.

Einmal fuhr ich mit einem der urtümlichen Bus-Lastwagen, auf deren Ladeflächen man in Reihen einander gegenüber sitzt, nach Varadero, dem Hauptstrand und Touristenmagneten von Havanna. Der Strand war um die Zeit Ende Februar gähnend leer. Ich ließ meine Leinentasche mit Kamera, Handtuch und Sonnenmilch liegen und rannte mit offenen Armen dem Meer entgegen. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie ein Mann entspannt auf die Tasche zulief, sie mit einer Hand aufhob und lässig, noch kurz zu mir hin winkend, in Richtung Wald davonrannte.

José besorgte mir eine neue, irgendein halb blindes Billigprodukt aus der DDR – natürlich sündteuer, aber immerhin konnte ich damit ein paar Andenken verewigen …

Der Karneval, bei dem ich noch mehr Gelegenheit hatte, meine Salsa- und Spanischkenntnisse zu vertiefen, war längst vorüber. Meine vierzehn Tage Kuba neigten sich dem Ende zu, heute Abend würde ich zurück nach Deutschland fliegen. Ich packte meine wenigen Mitbringsel in den Rucksack und wartete auf José, um mich zu verabschieden. Plötzlich öffnete sich die Flügeltür, und der Junge stürmte mit einer leichtbekleideten, offensichtlich entfesselten Chica in mein Zimmer. Das Mädchen platzierte sich umgehend auf meinen Schoß und fingerte besitzergreifend an meinem T-Shirt. Meine Versuche, mich des zarten Ansturms zu erwehren, scheiterten an ihren drängenden Oberweiten, den lackierten Fingernägeln und Josés beruhigendem, verschmitztem Lächeln. Er zwinkerte mir zu, sagte augenrollend „mi amiga“, und verschwand aus dem Blickfeld.

Das Mädchen zog alle Register der Verführung, doch endlich wurde ich ihr Herr, entdeckte José in der Nähe vom Schrank und schickte die beiden erschöpft hinaus. Ich schüttelte den Kopf, wandte mich wieder meinem Rucksack zu und fühlte instinktiv nach dem Necessaire. Irgendetwas schien zu fehlen. Ich öffnete den Reisverschluss und sah dort, wo mein Flacon mit dem Gucci-Parfum gewesen war, eine gähnende Leere. Panisch durchsuchte ich den ganzen Rucksack und stöhnte auf: Auch mein Pass hatte sich in Luft aufgelöst.

Beides hatte José auf dem Gewissen – das Mädel war natürlich nur ein Ablenkungsmanöver gewesen. Aber was tun? Um an einen Ersatzpass zu kommen, brauchte ich dringend José. Ich stürmte auf die Straße und lief auf den brunnenbestandenen Platz zu, an dem der Junge sich meistens aufhielt. Schon von weitem sah ich seine lässige Gestalt und seine blitzenden, hellwachen Augen, die immer auf der Jagd nach einem Deal waren. Als sie mich sahen, zuckten sie kurz auf, so als überlegte er, mit einem raschen Sprint davon zu rennen. Der Moment ging vorüber, und er begrüßte mich grinsend. „Na, war die Chica nicht erste Sahne? Willst du mehr von ihr? Ich kann sie holen!“

Ich winkte ab, erzählte ihm von dem abhandengekommenen Pass und ließ das geklaute Parfum unter den Tisch fallen. José handelte umgehend. Er sprang auf und pfiff durch die Zähne, worauf ein Oldtimer-Taxi quietschend anhielt. „Al consulado alemán, rápidamente!“

Und so brausten wir noch einmal durch die quirlige, wunderbare, widersprüchliche und herausfordernde Stadt, schossen irgendwo in einem Automaten drei Passfotos und kamen endlich in einem vornehmen Außenbezirk vor der Aufschrift mit dem Bundesadler „Deutsches Generalkonsulat“ an. Ich stürmte die Treppen hoch durch das Portal, erhielt nach kurzer Wartezeit einen Termin, erzählte dem netten Konsularbeamten meine Geschichte und hielt tatsächlich dreißig Minuten später einen grauen Ersatzpass in den Händen, auf dem ich mir mit abgehetzten, ein wenig fiebrig glimmernden Augen entgegenblickte.

Mit quietschenden Reifen ging es von dort aus direkt zum Flughafen. Der Abschied von José war herzlich, trotz des Parfums – einer Trophäe, der er wahrscheinlich seit unserer ersten Begegnung hinterhergejagt war. Meinen Reisepass fand ich zu Hause in einer Seitentasche des Rucksacks wieder. Den kubanischen Ersatzausweis besitze ich bis heute – Andenken an die vielleicht aufregendsten, vollsten und glücklichsten zwei Wochen, die ich jemals erlebt habe.

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