Interview mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd in Bergisch-Gladbach

„Himmel & Ääd – Himmel und Erde“ ist ein wunderbares Begegnungscafé und Kulturzentrum in Bergisch-Gladbach. Ich bin dort schon einige Male aufgetreten. Eine neue musikalische Lesung war schon lange geplant und musste wegen Corona immer wieder verschoben werden. So kam der Veranstalter Achim Rieks auf die Idee, ein Online-Interview zu machen über mein Leben in Brasilien und die geheimnisvollen Naturreligionen Candomblé und Umbanda, denen ich mein neues literarisches Fotobuch gewidmet habe.
Das Interview kann man in voller Länge auf Youtube sehen und hören. Hier stelle ich einige Auszüge vor, die ein paar wichtige und interessante Passagen zusammenfassen. Durch den Gesprächsabend führte Margret Grunwald-Nonte, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von Himmel & Ääd, die oft auch die Live-Abende dort moderiert.

H&Ä: Ich würde gerne etwas zu deinem Lebensweg erfahren, zu deiner Biographie, zu dem, was dich antreibt, was dich motiviert, zu schreiben, zu fotografieren, zu reisen. Du bist ja in Deutschland aufgewachsen und hast dort auch studiert. Wann fing das eigentlich mit Brasilien an?


Ruprecht: Ja, meine erste Begegnung, bei der es gefunkt hat, war vor vielen, vielen Jahren – da war ich gerade mal zwanzig. Eine Freundin meiner Freundin war Deutsch-Brasilianerin, das war zu der Zeit noch eine Seltenheit. Sie hat uns bekanntgemacht mit dem musikalischen und kulturellen Reichtum des Landes. Aber zu dieser Zeit herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur, und für mich als politisch links stehenden Menschen war es klar, dass ich diese Diktatur nicht noch durch eine Reise unterstützen durfte. Viele Jahre später, Ende der 1990er, wohnte ich dann in Neuhausen und vermietete ein Zimmer meiner Wohnung unter. Einmal war der Mieter ein Sprachstudent aus Rio de Janeiro – ein Carioca -, wie man die Einwohner Rios nennt. Er hat mich mit der aktuellen Musik Brasiliens bekanntgemacht – dem Tropicalismo. Ich lernte Interpreten wie Caetano Veloso, Gilberto Gil und Gal Costa kennen, und er hat mir erzählt von seiner wunderbaren Stadt Rio de Janeiro. Er war Mitglied einer recht wohlsituierten Familie, die in Barra da Tijuca wohnte, lud mich in seine Heimat ein – und etwa ein halbes Jahr später fand ich mich wieder unter dem Zuckerhut.

H&Ä: Hast du zu diesem Zeitpunkt auch angefangen, in Rio und überall, wo du herumgereist bist, zu fotografieren?

Ruprecht: Ich habe mich immer schon viel mit Fotografie beschäftigt – eins meiner Hauptfächer beim Studium von Grafik-Design war ja Fotografie. Und in Brasilien haben mich natürlich –  außer der Natur – die unglaublichen Gesichter der Menschen fasziniert. In Porto Seguro – dem „sichern Hafen“ haben wir zum Karneval ein Haus gemietet und sind mit dem Pick-up quer durch Brasilien bis in den Süden Bahias gefahren. Bahia fand ich nochmal ein Stückchen ursprünglicher und fantastischer – und so fand mein Weg bis nach Salvador da Bahia, wo seit fast zwanzig Jahren lebe.

H&Ä: Aber deine Verbindung zu Deutschland ist ja nicht abgebrochen, du bist normalerweise – außer zu diesen Coronazeiten – zweimal im Jahr in Deutschland. Bayern und Brasilien – das ist schon ein Kontrastprogramm! Was macht für dich das Leben in Brasilien so besonders?

Ruprecht: Es liegen natürlich Welten dazwischen – aber auf der anderen Seite herrscht zwischen den Bayern und Brasilianern auch eine verblüffende Affinität. Erstens einmal schon durch die Sprache – die Bayern nutzen ja auch sehr viel dieses offene „a“ und „o“, außerdem gibt es jedes Jahr – wenn keine Coronakrise herrscht – im Chiemgau ein großes deutsch-brasilianisches  Fest, wohin viele Brasilianer(innen) mit Lederhosen und Dirndl kommen. Nicht zu vergessen, sind die Bayern ja ursprünglich ein sehr anarchistisches Volk, und das verbindet sie sehr mit der Anarchie und dem Chaos in Brasilien. Ich war immer ein Mensch, der ein gewisses Maß an Freiheit geliebt hat – in Bayern hatten wir ein Austragshäusl am Waginger See – wo ich diese Freiheit der Natur genießen konnte, bis auch dort immer mehr asphaltiert und begradigt wurde. In Brasilien hat mich die Spontaneität der Menschen fasziniert, eine Herzenswärme, die allerdings auch schnell wieder erlöschen kann. Und ich hatte hier unglaubliche Naturerlebnisse, zum Beispiel im Amazonas und in der Chapada Diamantina.

H&Ä: Jetzt würden wir gerne zu deinem neuen Buch kommen – „Die Götter Bahias“!

Ruprecht: Es geht darin um die afro-brasilianischen Naturreligionen Candomblé und Umbanda. Der Candomblé ist eine Jahrtausende alte Religion, deren Ursprünge aus Afrika stammen. Umbanda ist wesentlich neuer, die Religion ist nur etwa hundert Jahre alt. Die beiden sind sozusagen  Zwillingsreligionen, in ihnen werden Naturgottheiten – die Orixás – verehrt.

H&Ä: Das große Fest für Iemanjá – die Göttin des Meeres – das du beschrieben hast, ist ja Lebenslust pur – eine Mischung aus Volkstradition und Party. Das hat sich im Lauf der Zeit ja wohl sehr verändert. Vor zwanzig, dreißig Jahren war das sicher noch viel ursprünglicher als heute?

Ruprecht: Wenn man früh am Morgen dazu kommt, ist es eigentlich immer noch sehr an den Ursprüngen orientiert. Es fängt ja schon in der Dämmerung an mit dem Umzug der Baianas, die mit Trommelmusik durch die Straßen von Rio Vermelho ziehen. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis, am Strand mit dabei zu sein – mit hunderten, tausenden von Menschen, viele davon in den wunderbaren, traditionellen Gewändern, die Fischerboote sind über und über gefüllt mit Blumengebinden und Darstellungen der Iemanjá, die Leute ziehen mit ihren Blumen ins Meer, übergeben sie den Fischern, und die fahren weiter hinaus, um sie ihrer Göttin zu überreichen – ein faszinierendes Spektakel für die Sinne!

H&Ä: Und wenn man die Bilder dazu in deinem Fotobuch sieht, ist der Gedanke: ich kaufe mir ein Flugticket und fahr mal hin! Wie schätzt du die aktuelle Corona-Lage in Brasilien ein?

Ruprecht: Es ist natürlich mit den vielen Favelas und den beengten Verhältnissen dort – dazu einem Präsidenten, der die Pandemie ja mehr oder weniger leugnet, sehr schwierig. Lockdown und Quarantäne widersprechen auch der Mentalität der Menschen – vor allem der Baianos, die jede Gelegenheit nutzen, um irgendwie auf die Straße zu gehen und zu feiern. Und wie sollen Menschen, die manchmal zu siebt oder acht in einem Zimmer wohnen, Lockdown und Quarantäne einhalten? Zum Glück kommt nun immerhin die Impfkampagne in Gang, und so gibt es langsam wieder Hoffnung …

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