Napoli – zwischen Feuer und Wasser


Rezensionen

Buchbesprechung August 2019 in ONDE Nummer 51, dem deutsch-italienischen Kulturmagazin

 

Rezension meines Napoli-Buches bei der Vereinigung Deutsch-Italienischer-Kultur-Gesellschaften (VDIG), Frühjahr 2109

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Napoli – Zwischen Feuer und Wasser 

Wer sich in der Reiseliteratur auskennt oder aber sich ein wenig mit dieser Sparte befassen möchte, weiß, dass man an der Lektüre der „Italienischen Reisen“ der Familie Goethe nicht vorbei kommt. Daher empfiehlt sich, bevor man den Text liest, der den Bildband von Ruprecht Günther „Napoli – Zwischen Feuer und Wasser“ begleitet, die Beschreibungen dieser Stadt zu lesen, die uns die drei Goethe-Generationen hinterlassen haben. Schon der Untertitel, den Günther seinem Buch gegeben hat („Zwischen Feuer und Wasser“) erinnert irgendwie an Goethe, der im Zusammenhang mit Neapel schrieb: „Gewiß wäre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt fühlte.“ Insofern ist die Lektüre der o. g. Berichte nicht nur interessant, um die Ähnlichkeit der Empfindungen festzustellen, die Neapel bei diesen drei prominenten „Grand Touristen“ auslösten, sondern auch, um einen Vergleich zwischen „damals“ und „heute“ machen zu können. 

Am 2. April 1740 schrieb Johann Caspar Goethe, dass in Neapel „die Straßen derart voll von Kutschen, Sedien und Sänften [sind], daß das Spaziergehen dadurch sehr beschwerlich wird.“ Nicht sehr viel anders waren die ersten Eindrücke seines berühmten Sohnes Johann Wolfgang bei der Ankunft in Neapel 47 Jahre später: Am 25. Februar 1787 schrieb er nämlich: „Alles ist auf der Straße, sitzt in der Sonne, so lange sie scheinen will. […] Neapel […] kündigt sich froh, frei und lebhaft an, unzählige Menschen rennen durcheinander.“ Und nicht weniger beeindruckt als sein Vater und Großvater zeigte sich der „kleine“ August von Goethe vom neapolitanischen Trubel, als er am 13. September 1830 seinen Spaziergang auf der Straße Toledo in Neapel beschrieb: „Sie [Toledo] ist über 1/2 Stunde lang und stets mit Wagen und Menschen ganz angefüllt. So ein Gewimmel und Getöse ist mir noch nicht vorgekommen, denn man muss sich durchwürgen, dabei die zahllosen Kutschen welche pfeilschnell dahin rollen machen einen vollends verwirrt.“ Doch noch wesentlich erstaunlicher ist, dass R. Günther in seinem Buch (trotz der gewaltigen Zeitunterschied!) sich kaum anders über das „Gassengewirr“ (S. 8) in der süditalienischen Stadt äußert: „[…] unter dem trüben Licht der Laterne brodelte das Leben: eilige Passanten, Autos und Motorroller wild durcheinander.“ (S. 8) Zwar haben die brausenden Vespas und die brummenden Autos inzwischen Kutschen und Sedien ersetzt, ansonsten könnte man aber meinen, die Zeit sei in Neapel stehen geblieben. 

Doch nicht nur Trubel und Lärm scheinen fast eine Konstante zu sein und seit Jahrhunderten zum Neapel-Bild zu gehören. Auch die mangelnde Grenze „zwischen Drinnen und Draußen, Öffentlich[em] und Privat[em]“ (S. 8) hat dort eine lange Tradition. Stellte August von Goethe fest: „Die Parterrs aller Häuser sind Läden, wo etwas verkauft wird“, schreibt Günther, dass „viele Zimmer […] im Erdgeschoss oder Souterrain unmittelbar an der Straße“ (S. 8) liegen. Auch die famose Unbekümmertheit der Neapolitaner ist offenbar ungebrochen geblieben: Schwärmte Goethe „Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit“, fällt Günther auf: dass in der süditalienischen Metropole die „drängenden Probleme des Alltagslebens existieren zwar, sind aber […] nicht dazu da, um wirklich gelöst zu werden.“ (S. 68) 

Genauso konstant ist auch die Mischung zwischen „sacro“ und „profano“ in dieser Stadt, die wie kaum eine andere seit jeher von Kontrasten lebt. Dementsprechend zeigen Günthers Fotos eindrucksvoll, wie in den neapolitanischen Gassen die Bilder des Padre Pio und der Madonna di Pompei über den Kisten mit Paprikas und Bananen „thronen“ – und erinnern an das von Goethe beschriebene Fest des heiligen Josephs, des „Patron aller Frittaruolen, d. h. Gebackenesmacher“; ihm (= St. Joseph) zu Ehre wurden zu Goethes Zeit die „Häuser mit Gemälden zum besten aufgeputzt: Seelen im Fegefeuer, Jüngste Gerichte glühten und flammten umher. Große Pfannen standen vor der Türe. […] Die Engel, die Köche, alle schrieen […] denn alles Gebackene wird diesen Abend wohlfeiler gegeben und sogar ein Teil der Einnahme den Armen.“ 

Selbstverständlich spielt(e) in jedem Neapel-Bericht auch der Vesuv eine ganz wichtige Rolle und bewegt(e) die Gemüter derer, die den Vulkan betrachte(te)n bzw. „näher kennenlern(t)en“: Johann Caspar Goethe geriet beim Rundgang des „spuckenden“ Berges „in höchste Bewunderung und tiefstes Staunen“; J. Wolfgang sprach von einem „mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfel“; sein Sohn August wiederum schrieb ihm in seinem Bericht aus Neapel: „Wenn ich so den Vesuv aus meinem Fenster rauchen sehe so ist es mir wie ein Traum daß ich schon oben gewesen binn.“ Zwar ist der Vesuv inzwischen nicht mehr aktiv, seine Anziehungskraft bleibt jedoch ungebrochen – und zieht auch Günther in seinen Bann: „Hin und wieder sah ich im Hintergrund auf der anderen Seite der Bucht, lieblich und drohend zugleich, die verhangenen Umrisse des Vesuvs: Feuer und Wasser – seit zweitausend Jahren Faszination, Herausforderung und Schicksal dieser Stadt.“ (S. 8) 

Alles beim Alten, also? Leider nicht! Wenn man nämlich Günthers Text weiter liest und sich nur z. B. ein Foto anschaut, auf dem ein Kruzifix neben einem Müllberg hängt, wird man schmerzlich daran erinnert, dass in Neapel doch nicht alles beim Alten geblieben ist. Die Zeiten, in denen Neapel „überall eine sehr schöne Stadt“ war (Johann Caspar Goethe), sind bedauerlicherweise vorbei, (zu) oft muss man sich den „Gesetzen“ der Cazzimma (d. h. im neapolitanischen Jargon: Gemeinheit, Brutalität) und der Camorra beugen, die „in allen Ecken lauern“ und „Mietwucher, Armut, […] Korruption, Ungerechtigkeit und Gewalt“ (S. 70) mit sich bringen. 

Doch Günthers Erfahrungen bestätigen, dass Widersprüche nach wie vor ein fast unverrückbarer Bestandteil des neapolitanischen Charakters sind: Wurde Johann Caspar Goethe in Neapel „mit Höflichkeiten überhäuft“, merkt Günther fast 280 Jahre später an – und trotz des (milde gesagt) rauen Klimas, das in manchen Vierteln der Stadt herrscht –: „Ich habe an wenigen Orten der Welt so viel Freundlichkeit, Witz und höfliche Aufmerksamkeit erfahren wie hier, ob Jung, Alt, Mann oder Frau.“ (S. 69) 

Natürlich zeigen Günthers Bilder ein folkloristisches, ja auch klischeehaftes Neapel, wo die unvermeidliche Wäsche von Balkon zu Balkon hängt, bunte Geranientöpfe sogar auf dem Dach eines Autos darauf warten, gekauft zu werden und das Bild des heiligen Antonius das Fischgeschäft „bewacht“; dadurch werden aber die Widersprüche, die quasi bizarre Art der Religiosität und die fatalistische Ironie, mit denen die Neapolitaner ihren Problemen begegnen, in den Fokus gestellt und somit ist ein durchaus realistisches Portrait des zeitgenössischen Neapels entstanden. 

Günthers Buch ist also eine gute Anregung für all diejenigen, die wenigstens mit den 

Augen in diese „feenähnliche(n)“ (August von Goethe) Stadt reisen und sich mit ihren vielen, verschiedenen Seelen und Facetten auseinandersetzen wollen. 

Neapel, wo es „bewundernswert viel Kunst und Verstand“ (Johann Caspar Goethe) gab und (trotz aller Probleme) gibt, hätte allerdings verdient, dass seine Straßen, Ortschaften und Künstler richtig genannt und nicht so „strapaziert“ werden, wie es Günther tut! Bei der Via Vergili (S. 8-9) weiß man z. B. nicht einmal, ob es sich um die Via Vergini oder um den Viale Virgilio handelt; der Vorort Villaricca ist zu Vila Rica (S. 26) geworden; der Cimitero delle Fontanelle ist um ein „i“ reicher (Cimiterio, S. 68), Botticelli dagegen um ein „t“ ärmer (Boticelli, S. 69). Es hat sich also wieder einmal gezeigt, dass es nicht geschadet hätte, wenn ein „italienisches Auge“ einen Blick auf den Text geworfen hätte. 

Chiara Santucci Ganzert