Portugiesische Sprachverwirrung – und ihre Lösung

 

Ich erinnere mich noch gut, wie ich das erste Mal nach Lissabon gelangte. Es war etwa Mitte der 1970er Jahre, nicht lange nach der Revolução dos Cravos – der Nelkenrevolution, die Portugal von fast fünfzig Jahren Diktatur und Faschismus befreite. Ich reiste mit dem Zug von einem wunderbaren Abstecher in die fast noch jungfräuliche Algarve bis zum südlichen Ufer des Tejo.

Nach vielleicht einer halben Stunde Fahrt mit der Fähre drang der erste Stadtlärm zu uns herüber, vor mir malte sich die Silhouette des Hafens und der bläulich schimmernden, kachel­ver­zierten Häuser. Müde lief ich den Hafen entlang und tat so, als hätte ich irgendein Ziel. Wie von selbst fanden meine Füße schließlich den Weg in die Alfama, den ältesten noch erhaltenen Stadt­­teil, der als einziger das verheerende Erdbeben im achtzehnten Jahrhundert über­standen hatte. Vor meinen Augen öffnete sich ein verfallendes, dreckiges und  be­­zau­bern­des kleines Reich. Wie im Traum schlenderte ich durch eine Welt, die vom restlichen Europa so weit entfernt schien, als läge sie auf der anderen Seite des Ozeans. Speckige, herunter­gekom­mene Fassaden schmiegten sich aneinander im gelben Licht; steile und durchgetretene Treppen führten in ein undurchschaubares Labyrinth von Gassen. Hin und wieder öffneten sie sich zu Plätzen, deren uralte Platanen und stille Bänke den Eindruck machten, als wollten sie dem Lärm der Zeit trotzen.

Meine Schritte hallten über eine stille Praça. Zwischen den matt erleuchteten Fassaden hing der Geruch von Moder, Palmöl und gebratenen Sardinen. Irgendwo im Zwielicht entdeckte ich ein schiefes neonblaues Schild mit der Aufschrift Pensão. Ich klingelte, die Tür öffnete sich mit einem Knacken, und ich machte mich an den beschwerlichen Auf­stieg in den fünften Stock. In einem windschiefen Türrahmen stak eine grün beschlagene Klingel aus Messing. Ich drückte den Knopf, und irgendwo tief drinnen erklang ein Schrillen. Etliche Sekunden später hörte ich schlurfende Schritte und blickte auf ein sich öffnendes Guckloch. Unter einem Schleier von wirren, weißen Haaren erschien ein zusammengekniffenes Auge. Ob ich ein Zimmer haben könnte, fragte ich in schlechtem Spanisch.

Espanhol, é?!“, fragte drohend eine Frauenstimme.

Não“, wehrte ich ab, verzweifelt nach portugiesischen Brocken suchend. „Venho da Alemanha.“

Das Guckloch knallte zu. Resigniert drehte ich mich um und nahm die erste Stufe zurück nach unten. Auf einmal hörte ich hinter mir ein Krächzen: „Venha!“ Die alte Frau hatte die Tür geöffnet. Ihr ausgedörrter Zeigefinger bog sich zusammen und wies mich an, einzutreten. Obwohl sie von Statur her sehr klein war, musterte sie mich so herrisch, als sei sie eine hohe Adlige und ich ein dahergelaufener Bettler. Endlich hatte sie wohl genug gesehen, denn aus ihrem fast zahnlosen Mund sprühte ein Schwall von Worten, die ich kaum verstand. Doch anscheinend hatte ich die Prüfung bestanden, denn sie wies mich mit einer knappen Geste an, ihr zu folgen. 

Als sie die Tür zuschlug, wurde es unmittelbar stock­dunkel. Sie schaltete eine Taschenlampe ein und schlurfte dem Lichtstrahl folgend durch staubige und merkwürdig verwinkelte Gänge. Das Haus hatte von unten her gar nicht so groß gewirkt. Aufgeregt wie ein kleiner Junge tappte ich neben ihr her von einem Korridor in den nächsten; womöglich befanden wir uns längst schon in einem anderen Gebäude. Von allein würde ich hier wohl nie mehr herausfinden … Endlich hielt die Frau an und öffnete eine Tür, die in einem schön gedrechselten Rahmen hing.

Está aqui“, sagte sie, so als wäre an ihrer Aussage nicht der geringste Zweifel möglich. Sie knipste den Lichtschalter an, und wie durch ein Wunder wurde es tatsächlich hell. Ich wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete erleichtert aus und sah mich um. So einen Raum hatte ich noch nie zuvor gesehen. Er wirkte wie ein Panoptikum aus lang verschollenen Zeiten, in denen es Droschken gab und sich ein edler Her mit seiner Geliebten zu einer geheimen Tete-a-Tete bringen ließ. Von den abblätternden Wänden hing ein schwerer, mit Pflanzenmustern ornamentierter, halb blinder Spiegel. Hinter den durch­sichtigen Gardinen sah ich die Andeutung einer Balkonbrüstung, von der aus man sicher einen herrlichen Ausblick auf den Tejo hatte. Vor der rechten Wand stand ein durchhängendes Bett mit Sofakissen und bestickter Decke. Über dem Kopfende hing ein Heiligenbild, links und rechts davon standen zwei Nachtkästchen mit aufwendig geschnitz­ten Figu­ren und Spitzendecken unter dem geschliffenen Glas. Auf einem der Kästchen ruhte eine riesige, kunstvoll gearbeitete, bronzene Fliege. Ich blickte auf meinen bloßen Arm und bemerkte, wie eine Gänsehaut darüber krabbelte.

Mein Magen meldete sich knurrend. Ich trat aus dem Zimmer, tastete mich blind durch die nachtschwarzen Gänge und fand wie durch ein Wunder den Weg ins Licht. Zurück auf der Straße atmete ich erleichtert auf und fand bald ein reizendes, kleines und günstiges Restaurant. Da ich mit der portugiesischen Speise­karte nicht viel anfangen konnte, führte mich der Chef in die Küche, und ich wählte Bacalhão – Stockfisch mit Salzkartoffeln und Salat. Der freundliche Besitzer blieb an meiner Seite stehen und redete auf mich ein. Anscheinend wollte er mir etwas Wichtiges mitteilen. Er versuchte es wieder und wieder, doch ich verstand kein Wort, lächelte zu ihm hoch und aß hungrig weiter.

Mir gefiel das Lokal und ich besuchte es von da an fast jeden Tag. Die Mitteilungs­versuche des Chefs hörten nicht auf, im Gegenteil. Sie wurden von Mal zu Mal dring­licher, doch anstatt langsamer zu sprechen, redete er noch schneller und lauter.

Eines Tages lernte ich eine nette junge Portugiesin kennen, die zum Glück recht gut englisch sprach. Ich führte sie zum Abendessen in das Restaurant. Sie wechselte ein paar Worte mit dem Besitzer und erklärte, was der Dono mir hatte sagen wollen: Gleich beim ersten Mal hatte er beobachtet, dass mir – der ich traumwandlerisch durch die Gassen schritt – ein Dieb folgte, der sicherlich auch gerne Bacalhão gegessen hätte. Über die Tage wurde er zu meinem regelmäßigen Begleiter, ohne dass ich je das Geringste davon merkte. Doch Santo Antonio, der in der Pension hoch über meinem Bett hing, hatte mich offensichtlich gut beschützt …